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Naturwissenschaftlicher Verein Osnabrück:

6. WestHavelländer AstroTreff (WHAT) in Gülpe

(Bericht von Dr. Burkhard Lührmann, September 2016)

Seit Anfang 2015 schaute ich als Astronomie-Interessierter immer wieder mal in der Osnabrücker Astro-AG und dem Astro-Stammtisch vorbei. Ich erinnere mich noch, je näher ein gewisser Termin im September heranrückte, umso hektischer und für mich geheimnisvoller wurden Gespräche über ein so genanntes Astro-Treffen geführt. Ganz ernst gestellte Fragen wie „Nimmst du die Aliens mit?“ oder „Frühstücken wir in der Oase?“ schlossen mich aus diesem Insider-Kreis gänzlich aus.

Als ich mich Monate später dazu entschlossen hatte, in die Astro-AG einzutreten, erinnerte ich mich wieder an diese konspirativen Treffen. Inzwischen wußte ich natürlich, dass es um den 5. WestHavelländer AstroTreff (WHAT) gegangen war. Mit dem WHAT in Gülpe sind wir in der Osnabrücker AG im Vergleich zu anderen Teleskoptreffen besonders verbunden, weil er inmitten des Naturparks Westhavelland stattfindet, der mit Unterstützung von Dr. Andreas Hänel als Sternenpark anerkannt wurde. Nur 70 Kilometer westlich von Berlin gilt die Region um Gülpe unter Astronomen als einer der dunkelsten Orte Deutschlands. Ganz klar: Da wollte ich dieses Jahr unbedingt hin! Und was hatte es mit den Aliens und der Oase auf sich?

Man sagte mir, der AstroTreff fände auf einem ehemaligen Sportplatz statt und da könne man gut direkt neben seinem Teleskop zelten. Na fantastisch! Oh, Zelten? Seit meiner Jugendzeit hatte ich nicht mehr gecampt. Ich gehöre inzwischen eher der Fraktion der Hotelgäste an, die morgens ihre Knochen sortieren und froh sind, wenn keiner fehlt.
Also noch besorgen: Zelt, Luftmatratze, Pumpe, Schlafsack, Tisch, Stuhl, Besucherstuhl, Hocker, Sonnenschirm, Abfallkorb, Behälter, ……… Aaaah! Voll ausgerüstet! Also mal ehrlich: Hier in der AG findet man immer Leute, die einem mit Rat und Tat beistehen. Danke, Carsten und Heinz! Da fährt man auch mal eben nach Holland.

Ach ja, die astronomische Ausrüstung musste ja auch noch mit. Trotz Durchlademöglichkeit kann das in einer Limousine dann schon mal so aussehen:

Auch der Beifahrersitz war komplett vollgestapelt. So ging es voller Erwartung nach Gülpe. Der kleine Ort liegt idyllisch an einem ruhigen Nebenarm der Havel, ein Paradies für Vögel.

Auch der Ort selbst scheint noch aus der paradiesischen Vergangenheit zu stammen. Katzen, Dachse und Störche haben hier alle ihren Platz. Eine Bekanntmachungstafel am Ortszentrum zwischen Betonplatten- und Kopfsteinpflasterweg weist auch schon auf das Ereignis des Jahres hin: Der WHAT 2016 vom 2. bis 4. September.

Am Sportplatz angekommen, sehe ich als Neuling gar keinen Zuweg. Die Beschilderung fehlt noch, da ich schon 2 Tage vor dem offiziellen Beginn angereist bin. Dafür sieht mich Martin, der bereits seit Montag das klare Wetter ausnutzt und freudig auf mich zugelaufen kommt. Mit seiner ortskundigen Erfahrung gelingt es mir, den Platz nördlich über einen tief ausgefahrenen Feldweg zu umfahren, einen Baum taktisch zu umrunden und so auf das seit 400 Kilometern anvisierte Feld der Begierde zu gelangen.
Martin hat den Osnabrücker Claim schon abgesteckt und erläutert die geplante Zeltstadt. Die Sonne lacht und gemeinsam ist mein Zelt schnell aufgebaut. Erst wenige andere Astros sind an diesem Mittwoch noch weit über den Platz verteilt. Bis zum Abend ändert sich das aber noch.
Da trifft Mareike ein, die gute Seele, immer lächelnd. Zusammen mit Martin wird das Abendessen eingekauft, ich baue derweil meine Ausrüstung auf. Die Nacht verheißt Gutes.
Währenddessen trudelt Thomas ein. Die Instruktionen von Martin noch im Kopf, weise ich den Altmeister ein. Ha, jetzt fühle ich mich wie der Chef. Aber Martin kommt schon wieder zurück mit jeder Menge Baguette und Camembert im Gepäck. Jetzt ist (esst) erst mal Abendbrot im Abendrot.

Die Nacht zum Donnerstag wird traumhaft. Für meine Montierung und Energieversorgung ist Feuertaufe. Jetzt konzentrieren! Messokular einsetzen, Leuchtpunktsucher ausrichten, GPS-Orts- und Zeitermittlung mit 11 Satelliten, 3-Star-Alignment, Polar-Alignment und wieder 3-Star-Alignment. Unter klarem Himmel gelingt es mir, die Sterne sicher zu identifizieren. Mit vibrierenden Fingern gehe ich ins Menü für den Polar-Alignment-Error. Yeeeaaah! Beim aller ersten Mal unter 30 Bogensekunden! Es folgen jede Menge Goto-Tests. Augenblick, es soll doch gleich einen Iridium-Flare geben. Martin schreit schon auf, ich schaffe gerade noch so die Auswahl des programmierten NORAD Two-Line Elements. Die Montierung saust mit 8 Grad pro Sekunde los und holt den Satelliten ein. Im Okular sehe ich leider nur noch das Ausglühen, kann ihn aber noch fast bis zum Horizont weiter verfolgen, während die Sterne im Hintergrund durchs Okular rauschen. Ein toller Anblick. Schade, dass die ISS während des WHAT nicht sichtbar sein wird.
Die Autofahrt und Aufbauarbeiten machen sich bemerkbar, auch die langen Nächte zuvor, wo Martin bereits dieses vertikale Bildpanorama am Nebenarm der Havel aufgenommen hatte.

Die erste Zeltübernachtung steht an und es wird empfindlich kühl.

Donnerstag, 8:30 Uhr: Ein wunderschöner Morgen. Aber warum so schrecklich früh? Was, es soll zur Oase gehen? Nach 10 Minuten Fußweg stehen wir vor einer Pension&Atelier mit Namen KREATIVOASE. Hier können Zimmer gemietet, Malkurse belegt und jetzt auch gefrühstückt werden. Die Besitzer Jordis und Ingolf sind auch gleichzeitig die Veranstalter des WHAT und wirklich eine Oase der Freundlichkeit. An großen Gemeinschaftstischen entstehen rege Gespräche über Astro- und sonstige Themen.

Tagsüber bleibt Zeit, den kleinen Ort Gülpe anzuschauen. Naja, im Grunde sind es nur 4 Straßen. Heute stoßen noch Jens, Andreas mit Familie und Uli zu uns.
Ich kann mich endlich um die Ansteuerung meiner Montierung mittels Notebook und LAN kümmern. In der bevorstehenden Nacht soll das alles zum Einsatz kommen. Leider bewölkt sich der Himmel zunehmend und nach Anbruch der Dunkelheit sind keine Sterne mehr sichtbar. Andreas zieht sich in dieser für ihn ersten Nacht enttäuscht in seine Pensionsunterkunft zurück. Ein Fehler, wie sich noch herausstellen sollte! Ich selbst brachte meine Montierung gegen Mitternacht auch in Parkstellung und bereitete sie liebevoll für die Übernachtung vor. Da geschieht es! Der Himmel reist urplötzlich auf und bietet in der folgenden zweiten Nachthälfte eine sehr gute Transparenz, welche die der vorhergehenden noch übertrifft. Für einen Wiederaufbau besitze ich allerdings nicht mehr genügend Elan. So konzentriere ich mich auf Himmelsfotografie ohne Nachführung.

Dieses fast 200 Megapixel große Panorama entsteht durch einen Stativschwenk entlang der Milchstraße von Horizont zu Horizont. Da dies im Querformat geschieht, muss die Kamera im Zenit um 180 Grad gedreht werden.
Es entstehen noch weitere 180 Grad-Nachtpanoramas:

In der folgenden Aufnahme sieht man einen Teil des Osnabrücker Claims:

Wegen der tückischen ersten Nachthälfte sind die Montierungen schon größtenteils abgedeckt, Thomas sogar schon Schlafen gegangen. Nur Uli ließ sich vom Wetter nicht austricksen und ist eifrig dabei, Astrofotos zu gewinnen:

Schließlich geht der Orion auf, bevor die Morgendämmerung einsetzt und die spannende Nacht mit Überraschungseffekt beendet.

Am Freitag, dem ersten offiziellen Tag des Astro-Treffs, herrscht leichte Bewölkung vor. Der ideale Tag, um die idyllische Umgebung zu erkunden. Das Fotolicht ist nicht zu hart und die Sonne verbrennt einem nicht den Pelz.

Das Originalbild ist über 20.000 Pixel breit und zeigt die Gülper Havel in Richtung Norden. Hier liegt einige Hundert Meter weiter am rechten Ufer auch ein kleiner matschiger Strand, der als Duschersatz dienen kann. Martin testete ihn aus und verjagte alle Frösche und sonstiges Getier ober- und unterhalb der Wasserlinie, wie er später berichtete. Ob er hinterher sauberer als vorher war, haben wir nicht genauer untersucht.

Nach den Spaziergängen in der Botanik zog es mich wieder aufs Astrofeld, wo sich die Reihen inzwischen weiter gefüllt hatten.

Wir ließen es uns gut gehen…

…und erfreuten uns an unseren astronomischen Geräten:

Gegen Abend gewann das große blau/weiß-gestreifte Zelt an Bedeutung, das mir schon gleich bei der Ankunft ins Auge gefallen war. Ich dachte, ein Bierzelt auf einem Astro-Treff? Passt das denn zusammen?

Aber weit gefehlt! Hier wird etwas für die Weiterbildung getan. U.a. führt Andreas Hänel uns Amateure und vor allem die neugierige Zivilbevölkerung gerade in die Geheimnisse der Astrofotografie ein. Hier ist Andreas in seinem Element:

Am Abend trifft Carsten ein und fängt sowohl instrumentell als auch persönlich noch die letzten Sonnenstrahlen ein (rechtes Bild). Wir sind komplett!

Leider ist die Nacht bewölkt, nur gelegentlich entstehen kleine offene Himmelsfelder. Auf dem Astro-Treff wird es relativ schnell leise und die meisten nutzen die Gelegenheit, um Schlaf nachzuholen.

Samstagmorgen: Heute Abend wird die große Öffentlichkeit erwartet. Es werden Buslinien bis nach Gülpe weitergeleitet, Blumenkübel frisch bepflanzt, Vorgärtenrasen gesprengt, das ganze Dorf ist in Aufruhr. Auch auf dem Astrofeld, das sich mittlerweile gefüllt hat, ist eine Menge los. Jeder baut seine Gerätschaften mit allem aus, was geht. Liegestühle werden aufgebaut.

Kamerateams und Fotografen stürmen das Feld. Zunächst hartnäckig, später verzweifelt  suchen sie nach Interview-Freiwilligen (im nächsten Bild rechts). Geschickt entziehe ich mich dem gefährlichen Zugriff. Jedoch es hilft nichts, ich werde doch zum Foto- und Filmopfer. Uli aber wird zum Star: https://vimeo.com/182657799 (Unbedingt anschauen!)

Die Vorbereitungen sind fast abgeschlossen. Martin hat seinen Wagen mit wertvollem Wissen geschmückt, das immer wieder Besucher anzieht.

Es wird dunkel. Die Ruhe vor dem Sturm:

Ich starte mein Notebook, rufe Stellarium auf, stelle über StellariumScope eine LAN-Verbindung mit meiner Montierung her und mache ein paar GoTo’s. Ich denke noch so, dass ich eigentlich den Bildschirm auf den vorbereiteten Rot-Modus umstellen sollte, da fragt der erste Besucher: Was ist das denn für ein schönes Bild? Ich sage: Das ist die Milchstraße. Oooooh! Ja aber: Das kommt nur vom Programm. Ich erkläre die Steuerung und die Synchronisation. Da der nächste: Booooah! Was für ein schöner Himmel! Jaja, denke ich, und zeige mal, wie man das Teleskop aus 3 Meter Entfernung wie von Geisterhand bewegen kann. Die Leute an der Montierung erschrecken sich und überlegen, wie geht das denn? Ich beruhige sie und liefere die Erklärungen. Ich drehe mich kurz um und sehe eine Wand von Personen hinter mir.

Menschen ziehen Menschen an. Der Kreis wird immer größer. Martin hält das in Bildern fest. Ich erzähle über Sternbilder, Planeten, die Milchstraße und gebe Orientierungshilfen. Ein Mädchen fragt: Ich bin Sternzeichen Jungfrau, wo ist das denn? Ich zeige in Richtung Westen und frage zurück: Weißt du denn, welcher Stern in deinem Sternbild am hellsten erstrahlt? Nöh. Ich versuche, Spica in der Dämmerung noch knapp über dem Horizont zu erwischen. Das Mädchen schaut durchs Teleskop und sieht den Stern. Ooh, coool! Sie ist überglücklich. Die Mutter freut sich, dass ihr Besuch Früchte trägt.

Leider zieht sich der Himmel im Laufe des späten Abends immer weiter zu. Mein erstes Teleskoptreffen in Gülpe geht seinem Ende entgegen.

Am nächsten Sonntagmorgen gelingt es mir dank der Hilfe meiner Nachbarn, mein Zelt und alles Übrige trocken abzubauen und im Wagen zu verstauen, bevor leichter Regen einsetzt. Beim Frühstück in der Kreativoase werden ein letztes Mal interessante Fachsimpeleien und unterhaltsame Gespräche geführt. So fällt mir der Abschied vom 6. WHAT wirklich schwer.

Ach ja, die Sache mit den Aliens. Die waren dieses Jahr leider nicht dabei. Ich habe mir sagen lassen, die sind aus einer ähnlichen Konsistenz wie das obige Teleskop. Vielleicht besuchen sie uns nächstes Jahr wieder?

Ich danke allen, die an der guten Organisation und der freundlichen Atmosphäre mitgewirkt haben und für einige hier verwendete Bilder von Martin, Thomas und Carsten.